Bürger oder Konsument

Eine Gedankenkollektion

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„Die Demokratie ist in Gefahr!“, so schallt es aus dem Rundfunk.
Ich weiß nicht, wie es Dir damit geht, mir bereitet es einige Kopfschmerzen.

Zunächst möchte ich meine Perspektive kurz klären. Natürlich schaue ich auch nur durch ein Fenster auf Deutschland. ARD, ZDF und WDR sind mein Rundfunk. Von diesen Sendern lasse ich mich über den Tag beschallen, höre mal mehr oder weniger interessiert zu. Arte und 3Sat ergänzen mit Reportagen und Dokumentationen, dort schaue ich eher selektiv, dann aber auch mit viel Aufmerksamkeit.
Daneben verbringe ich Zeit auf #Mastodon und blättere regelmäßig durch Google-News.

Der Rundfunk hat einen eher eingeschränkten Blick auf die Welt. Die Gewichtung der Themen ist sehr einseitig. In meiner Jugend gab es weder Privatfernsehen noch Internet, wie wir es seit 2000 kennen. Der öffentliche Rundfunk und seine Journalisten haben große Erwartungen in mir geweckt und mich mit viel Wissen versorgt. Inzwischen sind die jugendlichen Erwartungen jedoch einer ausgewachsenen Enttäuschung gewichen.

Zurück zur gefährdeten Demokratie. Ich bin mit der Analyse im Rundfunk dazu nicht einverstanden.
Zunächst habe ich den Eindruck, als würde man sich viel Mühe geben, um das Deutsche System wie eine optimale Umsetzung einer Demokratie darzustellen. In der Theorie will ich dem Deutschen System nicht das Bemühen absprechen, doch in der Wirklichkeit findet die systemische Analyse gewaltige Mängel in Theorie und Praxis.
In einer vollständigen Demokratie werden alle zentralen Themen in der Vollversammlung entschieden. – Dies scheint mir das wichtigste Moment einer Demokratie zu sein.
Eine Demokratie umfasst eine Menge Menschen die sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen. Durch den Anschluß zur Gemeinschaft erhält der Mensch die Bürgerschaft. Der Bürger, die Bürgerin bildet die „Macht“ in der Gemeinschaft ab. Im Idealfall ist jede Bürgerstimme gleichwertig.
In der Wirklichkeit lässt sich das Ideal nur schwierig abbilden. Die Menschen sind nur formal gleich, im gleichen Moment sind sie als Individuum einzigartig in ihren Bedürfnissen, Haltungen, Befindlichkeiten, Interessen und Verhalten.

In der Praxis ist die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens eine Hierarchie. In der Soziologie kennt man die Bedürfnispyramide, die ich hier als Beispiel angeben möchte. Wenn sich Menschen treffen und ins Gespräch kommen, um Entscheidungen zu treffen oder diese umzusetzen, ist ihr Verhalten im Prozess davon abhängig, wie die aktuelle Befindlichkeit ist. Hungrig beantworte ich Fragen anders, als wenn ich ausgeschlafen und voller Tatendrang bin.
Eine weitere Hierarchie erlernen wir schon früh in der Familie. Als frisch Geborene und für viele folgende Jahre, folgen wir den Weisungen der Eltern. Wir sind zwar Bürger und haben Ausweispapiere, doch wissen wir nichts über die Welt. Wir wissen aber genau, wer in unserm Familienrudel das Sagen hat.

Das Aufwachsen in einer Hierarchie hinterlässt Spuren in uns. Ich denke, wir alle kennen die Macht der Gewohnheit, die hier in besonderem Maß wirksam ist. Die erste Hierarchie wird uns nicht erklärt, wir erleben sie. Sie ist das Modell, nach dem wir uns den Rest unseres Lebens richten, im Guten wie im Schlechten.
In der Schule haben wir auch nicht das Sagen. Wir lernen dort nicht unser Lernen selbst zu organisieren unsere Interessen und Neigungen zu entdecken und zu entfalten. Und ganz besonders lernen wir nicht, wie unser Staat in der Praxis arbeitet.
Ich habe zum Schulabschluß das Grundgesetz und die Verfassung des Landes NRW bekommen, zusammen mit den Besten Wünschen für mein zukünftiges Leben.
Man kann wohl nicht wirklich von einem Initiationsritus sprechen, wenn es um die Integration neuer Bürger ins Deutsche System geht.
Im Berufsleben gibt es immer einen CEO, Vorgesetzten, Teamleiter (in allen Geschlechtern). Und, wie im Sandkasten, gibt der Verhaltensauffälligste den Ton an.

Die Gleichheit der Menschen scheitert eben an der Verschiedenheit der Menschen und an erlernten/erlebten Mustern, die uns Hierarchie zur Gewohnheit machen.

Der Demokratie im System Deutschland fehlt es an den BürgerInnen, die die Macht inne haben sollten.
Die Volksentscheidung ist quasi bedeutungslos.
Und trotz dieser Widersprüche im System kommt es weder zu einer Revolution, noch einer Rebellion. Und das System selbst stellt sich gegen jede Evolution.

Im Deutschen System ist der einzelne Mensch nur als Konsument von Bedeutung. Sein Menschenwert wird durch seine Kaufkraft bestimmt.
Ungestörte Warenkette und gewinnträchtige Geldströme sind die Werkzeuge, die Manipulation des Bewußtseins wird mit Werbung freundlich umschrieben. Wie stark diese Manipulation wirkt und wie tiefenpsychologisch wirksam, zeigt sich mir am deutlichsten daran, dass auch die radikale Umsetzung des Gewinnmaximierungsprinzip weder Revolution noch Rebellion auslösen. Der Preis für eine Ware wird auf ein Maximum erhöht, die Produktqualität auf ein maximales Minimum reduziert, die Kosten sollten gegen Null gehen und der Gewinn sich dem Maximum nähern. Und das alles am liebsten für ewig.

Diese Einleitung mag etwas düster erscheinen, doch scheint sie mir schlüssig. Ich bin hier geboren und selbst ein Freund der Gewohnheit. Ehrlicherweise bleibe ich auch in vielen Fällen hinter meinen Idealen zurück, doch bin ich auch überzeugt, dass es eine Utopie im Leben braucht, damit man einen Impuls zur Bewegung finden kann.
Ich sehe mich also als Teil des Deutschen System und spüre eine Mitverantwortung.

Wortwolke zum Text, erstellt mit wordcloud_cli.

Meine Utopie ist eine Offene Gesellschaft die sich um Lösungen bemüht, statt sich im politischen Farbenspiel zu zerreißen
Für das System Deutschland würde ich mir eine antibürokratische Revolte wünschen. Das meint, eine Verwaltung, die sich als Dienstleister versteht und nicht für jede Aktion eine neue Gebührenordnung in die Welt schafft. Das #Fediverse als Form einer staatlichen Verwaltung.
Formulare und Anträge könnten als Open Source entwickelt werden, so könnten alle Betroffenen und Interessierten ihre Aspekte in einen konstruktiven Prozeß einbringen und er kann sich mit der Zeit und den Anforderungen weiterentwickeln. Gerade die aktuelle Statik im System Deutschland sehe ich als die Bedrohung der Demokratie.

Ein weiterer Schritt könnte ein genossenschaftlich organisierter Verbraucher/Konsumentenschutz darstellen. Die Genossenschaft steht allen BürgerInnen offen die sich für Produktqualität und Lieferkettengerechtigkeit einsetzen möchten. Hier werden umfangreiche Produktinformationen erstellt, Tests initiiert, Erfahrungen gesammelt und Werkzeuge zur Einflussnahme auf dem Markt im Interesse des Konsumenten- und Umweltschutz entwickelt.

Ich glaube, wenn sich eine Mehrheit der Europäer einig wäre, dass man es Trump und Musk einmal zeigen könnte, verzichtet doch einfach im Monat November auf Euren Besuch bei Ronald McDonald. Wenn 200 Millionen Konsumenten eine Marke drastisch meiden, bebt in USA die Börse.
>Fuck the tax<

Wenn die Bürgerbewegung zur Massenbewegung wird und sich die Generationen zusammenschließen, dann haben wir eine demokratische Zukunft. (sic)