Gibt es denn eine andere Möglichkeit ein Leben zu leben? Also ohne einen Umzug in die Einsamkeit. Ein friedliches und nützliches Leben mit den anderen Menschen zu führen, das klingt verlockend. Doch! Was für eine Forderung, welche Zumutung ist es für meine Nachbarn?

Die Nachbarn kommen und gehen. In der Großstadt wohnt man nur selten zur Heimat. Es wimmelt von Mietern und Mieterinnen. Da hat man wenig Wahl.
Das Haus teile ich mir mit vier anderen Parteien, 7 Menschen Tür an Tür. Jede Partei hat ihren eigenen Mietvertrag und ein Glück, unsere Vermieterin hat ein Herz. Da habe ich schon anderes gehört und auch erlebt.
Zwanzig Jahre wohne ich nun im Haus, der Mieter mit dem längsten Vertrag. Und der ehrenamtliche Hausmeister. Da ich viel Zeit in der Wohnung verbringe, nehme ich Pakete an und reiche sie freundlich weiter. Ich verwahre Schlüssel, gieße Blumen und achte die Hausordnung.
Die Hausordnung ist dabei kein Kodex, den die MieterInnen gewählt hätten. Sie besteht aus einem Teil mit gleichem Namen, der dem Mietvertrag beigefügt ist und den Absprachen, die die Mietergemeinschaft informell getroffen haben.
Allein die Nachbarschaft begründet noch keinen Sydikalismus zwischen den Parteien. Natürlich ist es in einem Gebäude mit weniger als zehn Parteien wesentlich einfacher, Namen und Gesichter kennenzulernen. Auch finden sich in den wenigsten Häusern Räume für soziale Interaktion zwischen den Mietern.
Die Straße, an der meine Wohnung liegt ist ohne besondere Bedeutung für den Verkehr, jedoch sind beide Seiten immerzu mit Autos beparkt. Und um den Block ist eigentlich immer irgendwo eine Baustelle, oft mehrere im Stadtteil verteilt.
Einen Überblick über Anlaß und Ziel der Baumaßnahmen im Stadtteil muß man sich aktiv verschaffen.
Die Menschen die hier ihr Leben gestalten haben durchaus verschiedene Motive und häufig sind sie nach Kriterien sozial vernetzt, die Nachbarschaft nur zufällig enthalten.
Die nachbarschaftliche Verbindung ist durchaus mühsam und im Herzen einer Millionenstadt kommt noch ein gewaltiger Durchzug dazu. Damit meine ich Menschen, die nur zu einem Anlaß im Stadtteil sind und sonst keine wesentliche Verbindung zu Ort und Menschen haben.
Ein großer Messeplatz ist Teil des Stadtteil. AusstellerInnen und BesucherInnen, sowie das gesamte Personal das sie erfordern. Dazu haben sich auch einige Hotels niedergelassen. Ein Bahnknotenpunkt und Schnittstelle zum Nahverkehr bewegen eine Menge Menschen und manche verbringen die Zeit zum Umstieg mit einem Stadtteilbummel.
Kindergarten und Grundschule ziehen junge Familien an, die sie spärlichen Spiel- und Sitzgelegenheiten wetterabhängig nutzen.
Raum für soziale Begegnung außerhalb eines kommerziellen Hintergrunds ist kaum möglich.
Sowohl die kath. als auch die evang. Kirche biete konfessionellen Raum für Begegnung. Das Angebot wird stark von Senioren bestimmt.
Auch gibt es ein Bürgerzentrum, hier kann man Anschluß an die Politik und an Bürgerliches Engagement im Stadtteil finden.
Die Postmoderne findet die Menschen in fremdbestimmten Lebensräumen. Die Moderne hat den Menschen vereinzelt. Sie hat sein Leben beschleunigt und ertränkt sein Denken und Wollen in einer Informationsflut, die sich durch Glasfaserverbindungen zu einem Tzunami steigert.
„Alle müssen dienen.“ – Starfield, Haus Va’Ruun
Wer nicht durch Miet- und Arbeitsverträge geknebelt ist, wird von der Gewinnerwartung und dem Unternehmensziel an die Kandare genommen.
Nach einige Begegnungen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, kommt ein Blick des Wiedererkennens. Und bald schon eine Gelegenheit für erste Sätze.
So kann man schon eine oberflächliche Behaglichkeit erreichen. Bis zu einem solidarischen Zusammenwohnen ist es noch ein langer Weg.
Ich schließe hier mit einem freundlichen Gruß.

