Biosensorische Extraktionen #3

„Es ist Zeit. Wir werden die Bevormundung nicht länger akzeptieren. Es muß ein klarer Schnitt gemacht werden, dann werden wir gemeinsam die Regeln neu bestimmen. Wir stimmen denen zu, die eingesehen haben, daß es keine Reform geben wird, solange wir an den alten Regeln festhalten. Unsere Umwelt wird nicht länger unser Lebensraum sein, wenn wir nicht schnell etwas ändern. Was wir ändern können, sind alleine wir. Unser Denken und Handeln haben wir unter unserer unmittelbaren Kontrolle.“

Herr Marquardt war tief beeindruckt vom Volumen und Timbre des Redners. Er schätzte ihn auf knapp vierzig Jahre. Herr Marquardt unterbrach seinen Spaziergang und gesellte sich unter die zuhörende Schar von Menschen, die bereits stehen geblieben waren.
Etwas charismatisches verströmend, begann der Redner seine Ideen darzulegen, wie sich die Menschen in Deutschland für eine bessere Welt verwenden könnten. Die positiven Ansätze und das fehlen jeder Depression beeindruckten Marquardt, was ihm sehr selten geschah, daß er von einem Menschen in kurzer Zeit gleich mehrmals beeindruckt war.

Der Redner stand auf einer provisorisch gezimmerten Empore, knapp einen Meter über dem Rasen. Etwa dreißig Zuhörer und Zuhörerinnen hatten sich um ihn versammelt.
„Wir können nicht mehr länger auf einen Erlöser warten, der die Dinge für uns regelt. Wir müssen selbst Verantwortung übernehmen und die Macht nutzen, die wir in Händen halten. Die Macht des Konsums. Verbrauchen aller Länder vereinigt Euch! Das möchte ich Euch zurufen. Entschließt sich ein Mensch zu einem verantwortungsvollen Konsumverhalten, ändert das nichts am Markt. Entscheiden sich aber einige Millionen, dann wird der Markt revolutioniert.“

Konsum als Mittel der Machtergreifung durch das Volk. So hatte es Herr Marquardt noch nicht betrachtet. Das war wirklich einmal etwas Neues. Der Redner machte einige Vorschläge, wie die Entscheidungen für und Gegen bestimmte Produkte und Hersteller Einfluss auf die Gesellschaft haben könnte. Er stellte fest, daß es sich um Ideen und Träume handele und er nicht über eine endgültige Wahrheit verfüge. Lethargie sei jedoch wie der Tod.

Der Redner sprach offensichtlich nicht für eine Partei oder Organisation, was ihm weitere Sympathien bei Herrn Marquardt einbrachte.
„Führt Euch einmal vor Augen, welche Möglichkeiten den Menschen im modernen Deutschland zur Verfügung stehen. In jedem Haushalt finden wir Radio, Fernsehen und Internet. Der Computer gibt den Menschen die Möglichkeiten wie Gutenberg Bücher zu drucken, Filme zu drehen, Musik zu machen, sich mit Millionen Menschen auszutauschen und Informationen vom gesamten Globus einzusehen. Mehr Macht und Potential als es ein König oder Kaiser in unserer Geschichte jemals hatte. Was machen wir daraus? Denken Sie einmal einen Augenblick darüber nach.“

Der Redner machte eine gelungene Pause. Mit einem freundlichen, offenen Blick schaute er in die Runde. Dann verbeugte er sich und verließ das Podest. Einige Zuhörer wollten gerne ein Gespräch mit ihm beginnen, doch mit netter Bestimmtheit wies der Redner die Interessierten ab. Er nickte den Anwesenden zu und entfernte sich mit raschen Schritten.
Nun war die Neugierde von Herrn Marquardt vollends entflammt. Die Argumente und Ideen des Redners waren in sein Denken eingesickert und hatten mit ihrem Werk begonnen. Er begann bereits den Optimismus zu spüren, mit dem der Redner die Anwesenden infiziert hatte.

Herr Marquardt beendete seinen Spaziergang und ging nach Hause, mit der festen Absicht, den Redner wiederzufinden. Er wollte mehr von den Ideen hören und sich vielleicht an dem Bau einer neuen Gesellschaft beteiligen. Herr Marquardt fühlte sich, als sei er wieder sechzehn und voller Energie.
Wie wunderbar, dachte er, wenn einen die Inspiration besucht.