Biosensorische Extraktionen #1


Die Trauerweide wog sich sanft im warmen Wind, der vom Süden kam. Die Sonne stand im Nachmittag und die Großstadt brummte ohne Unterlass im Hintergrund. Hier und da kräuselte sich die Oberfläche des Sees, wenn ein Fisch sich ein Insekt von der Oberfläche fing.
Herr Matheo hatte wenig Mitleid mit den Insekten. Es gab mehr als reichlich von ihnen in diesem Spätsommer. Ob sie nun stachen oder nicht, lästig waren sie alle.
Er hatte sich vor einer guten Stunde auf seiner Bank niedergelassen. Er kam jeden Tag für zwei Stunden an den See. Pünktlich gegen 15 Uhr erreichte er die Bank im Schatten der Weide und gegen 17 Uhr machte er sich auf den Weg zurück in seine kleine Wohnung. Von dieser festen Gewohnheit ließ er nicht mehr ab, seit er sie vor mehr als zehn Jahren angenommen hatte.
Eine Hummel flog träge vorbei. Mit leichter Wehmut hing Herr Matheo seinen Gedanken nach und sah mit leerem Blick auf die Fläche des Sees.
‚Manchmal schmerzt die Einsamkeit doch sehr.’, dachte er, als ihm ein junges Liebespaar am gegenüberliegenden Ufer auffiel. Er beobachtete, wie sich die beiden Liebkosten, für einen kurzen Augenblick. Dann blickte er schnell auf seine Schuhspitzen, noch länger zu schauen schien ihm unschicklich.
Herr Matheo wurde jäh aus seiner Stille gerissen, als neben der Bank ein Fahrrad mit quitschender Bremse zum stehen kam. Eine junge Frau, rötlich braunes Haar und leuchtend grüne Augen.
„Ist hier noch ein Platz frei?“, fragte die junge Frau artig und lächelte freundlich. Herr Matheo räusperte sich umständlich, er war das Sprechen nicht mehr gewöhnt. Manchmal sprach er eine ganze Woche kein einziges Wort.
„Bitte. Nehmen sie Platz, wenn sie die Gesellschaft eines alten Mannes nicht
stört.“, seine Stimme klang etwas rau.
Die junge Frau nahm Platz und entgegen den Erwartungen von Herrn Matheo eröffnete sie einen Wortwechsel.
„Entschuldigen Sie, aber ich bin so neugierig. Ich habe sie schon oft hier sitzen
sehen und das nicht nur bei schönem Wetter. Nun ja. Und seit Wochen treibt es
mich schon Sie einmal danach zu befragen. Es ist hoffentlich nicht zu aufdringlich?“ Ihre Stimme drang wie süßer Honig in die Ohren von Herrn Matheo und ihr süßlich-herber Duft stieg ihm in die Nase. Sie benutzte keinen käuflichen Duft und hatte offensichtlich auch keine Schminke aufgetragen. Ihre Jugend und ihre Natürlichkeit drohte ihn zu überwältigen.
„Verzeihung. Ich spreche nicht oft mit anderen Menschen und bin es daher nicht gewohnt. Ich bin ein alter Mann und komme hierher, um meine Gedanken zu sortieren.“ Er sah ihr in die Augen und rechnete nicht damit, daß sie ihn verstehen würde oder auch nur eine Ahnung hatte was er meinte. Doch wollte er diese kostbaren Sekunden in sich aufsaugen, er würde lange davon zehren. Es war ihm in seinem Leben eher selten passiert, daß er anderen Menschen auffiel.
„Das müssen aber viele oder schwierige Gedanken sein.“
Er ließ einige Atemzüge vergehen. „Das möchte ich nicht behaupten. Weder schwierige, noch sind es viele Gedanken. Ich genieße das Denken. Ich kaue die Gedanken gründlich und schmecke jede Nuance. Wende sie und drehe sie, kombiniere sie neu und anders und betrachte sie von allen Seiten. Wenn man eines hat in meinem Alter, dann ist es leere Zeit.“
„Aha.“ Es schien, als prüfe sie seine Sätze gründlich.
Herr Matheo brachte es nicht fertig noch einmal das hereinbrechende Schweigen zu brechen, so sehr es ihn auch innerlich Antrieb.
So saßen sie noch eine halbe Stunde schweigend. Dann brach die junge Frau mit einem freundlichen Abschiedsgruß auf.
Herr Matheo saß noch eine weitere halbe Stunde allein, dann folgte er seiner Gewohnheit und ging nach Hause.