Streamschmierer

Der Stream steht nie still

Nach jedem Augenblinzeln findet sich ein neuer Beitrag auf dem Bildschirm. Stunde um Stunde teilen Menschen ihre Eindrücke, Erfahrungen und Ansichten mit dem großen Netz. Und von diesen Millionen Nachrichten kommt nur ein Teil auf den eigenen Schirm, ein viel kleinerer Teil, doch auch dieser ist kaum zu bewältigen.

Der Streamschmierer hat die Idee, alle Beiträge lesen zu wollen, bereits vor langer Zeit aufgegeben. Ab und an musste er schlafen, sich Zeit für eine Mahlzeit nehmen oder einfach mal auf das Klo. Oder er verfasste eine eigene Schmiere, die er dann hemmungslos im Stream verteilte. Manche schimpften ihn einen Troll, doch viele fanden einen kruden Gefallen an dem baren Unsinn, mit dem er jede Normalität auf das Schärfste zurückwies.

Der gesunde Menschenverstand war für den Streamschmierer das Feindbild schlechthin, eine billige Ausrede und eine willkommene Zielscheibe für Hohn und Spott. Der Tarnanzug für bequeme Dummheit, die der Mensch der Moderne so gerne in sich kultivierte. Der Streamschmierer verstand sich selbst als eine postmoderne Säure, die alles Altbackene kraftvoll wegzuätzen verstand.

Realnamendiskussion: Wie konnte man nur damit zufrieden sein Peter oder Maria zu heißen? Es gab eine Menge Internetbenutzer die die Diskussion über Realnamenpflicht mit Herzblut führten und kaum eine Gelegenheit zur Debatte ausließen. Der Streamschmierer verbiß sich gerne in jene ordnungsliebenden Kleingeister, die behaupteten durch einen Realnamen wäre man doch deutlich fassbarer und authentischer. Er nannte sich Streamschmierer, das war Name und Programm zugleich, vielsagend und recht einzigartig. Allein die Unmenge an Menschen, die er kannte, die sich Peter oder Maria nennen lassen mussten und sich der Illusion von Individualität und Echtheit hingaben. Dabei waren diese Namen doch auch nichts, als pure Erfindung und nur weil sie der Träger oder die Trägerin nicht selbst gewählt hatte, wurde ihnen noch keine Realität zuteil, die seinem Pseudo abging.

Der Streamschmierer gab sich selten dem bloßen Pöbeln hin. Auch wenn er diese Gattung des Gesprächs durchaus hervorragend beherrschte, so lag ihm mehr daran die Ideale seiner Zeit zu entlarven. Er schreckte nicht davor zurück Religion zu verwirren, Politik zu diskreditieren und die Kunst mit Stinkbomben zu bewerfen. Wenn er sich an Montagen einmal besonders langweilte, schrieb er einen Satz wüster Kritiken zu den angesagten Produkten des Augenblicks oder belästigte einen Alltagsblogger, um ihn mit einer aberwitzigen Verschwörungstheorie zu fesseln.

An einem Sonntag schließlich, ließ er sich für die Freiheit des Denkens, Meinens und Redens öffentlich steinigen. Bis zum Schluß hielt er daran fest, daß man die Menschen nur ordentlich vor den Kopf stoßen muss, damit sie zu einer Erkenntnis kommen.

Leider werden wir nicht erfahren, welche Einsicht ihm der handliche Pflasterstein bescherte, der wuchtig an seine Stirn klatschte und ihm den Stream und das Licht ausblies.

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