Datenklau und Petitionsflopp

Guten Tag Kontobesitzer und Kartenshopperin!

Innenminister Wolfgang Schäuble war mächtig stolz. So schreibt es der Kölner Stadtanzeiger. In nur drei Monaten habe man einen Gesetzentwurf auf den Tisch gebracht zur Reform des Bundesdatenschutzgesetz und am 1. Juli 2009 soll er auch schon in Kraft treten.

Bild von Peter Liebetrau auf Flickr

 Bestimmte Rechte vorbehalten Bild von Peter Liebetrau

Und seit letzter Woche weiß wohl auch jeder, das der Bundestrojaner lange nicht mehr unsere einzige Sorge sein kann.

Auf dem Schwarzmarkt für persönliche Daten sind nach Recherchen der WirtschaftsWoche die Bankverbindungen von 21 Millionen Bundesbürgern im Umlauf. - Artikel, WiWo

Das hat doch gerade zur Weihnachtszeit heftige Aufregung zur Folge. Viele Menschen Konsumieren in diesen Tagen wie kaum in einer anderen Zeit des Jahres und zwischen all den Kartengeschäften heißt es jetzt nach Fehlbeträgen und Fehlbuchungen suchen, da sich böse Menschen einfach Zugriff auf die Konten verschaffen können. Und das auch gleich bei 21 Millionen Bürgern.

Es wird vermutet, dass der Ursprung des riesigen Datenbestands auf eine Gruppe von Callcenter-Betreibern zurückzuführen ist, wie auch erste Spuren andeuten sollen.“ – ist auf Gulli.com zu lesen.

Da machen wir schon einmal ein Übel dieser Zeit aus. Immer mehr Unternehmen machen die Arbeit für die sie sich bezahlen lassen nicht mehr selbst. Outsourcing heißt das dann.

Gerd Billen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (Vzbv), machte in Berlin sehr deutlich, worum es geht. Beim Handel mit kommerziell nutzbaren Informationen wie Anschrift, materiellem Status oder Konsumgewohnheiten von Menschen seien Milliardenbeträge im Spiel. Vielfach sei Unternehmen eine einzige Adresse schon 50 Euro wert. – Quelle: KSta

Da kommen schon enorme Beträge zusammen und inzwischen wissen wir, Callcenter sind nicht die einzigen Möglichkeiten unsere Daten zu klauen. Ein neuer Skandal stellt alles in den Schatten. Die Berliner Landesbank steht für Kundennähe, Innovation und Solidarität erfahre ich auf der Startseite, der MEHR-Link führt allerdings zu nichts – vielleicht hat den Artikel gerade jemand geklaut. Bei News finde ich auch noch nichts über den Verlust an Microfiches, der den neuen Skandal begründet. Die LBB sichert die Kontodaten und Kreditkartenoperationen auf Microfiches, jedoch macht sie das nicht selber, sondern läßt dies von Atos erledigen und dazwischen gibt es einen Postweg, auf dem dann mal eben ein paar zehntausend Daten verloren gehen können. Die Daten wurden dann der Frankfurter Rundschau im Pappkarton angeboten, beiliegend eine Rechnung der Firma Atos Worldline über 71400 Euro für die Verfilmung.

Wie der Spiegel online berichtet, „Ein anonymer Informant hat der Zeitung nach eigenen Angaben detaillierte Kreditkartenabrechnungen von Kunden der Landesbank Berlin (LBB) zugespielt. Die Daten seien auf Mikrofiches aufgezeichnet gewesen, durchsichtigen Folien, die jeweils tausende Daten speichern können. Lesbar sind demnach Vor- und Nachname der Kunden, Adresse, Kreditkartennummer, Kontonummer und jeder einzelne Bezahlvorgang mit dem dazugehörigen Betrag. Unter den sensiblen Angaben befänden sich auch Geheimnummern (Pin).

Mit den Daten hätte man die Kreditkartenkonten völlig leer räumen können. „Unter anderem die Karten ADAC Gold-Mobil-Doppel, Amazon Visa, White Lable Premium, ADAC Classic Mobile Master, ADAC Classic mobile Visa, Schmetterling Premium, Visa Geschenkkarte, ADAC Gold Mobile Master ADAC Gold Doppel, LBB Classic Eurocard, LBB WBI Classic Card, Xbox Classic Card, ADAC Einstieg Visa.“ – umreisst Matthias Thieme das gigantische Datenleck.

Für viele Konsumenten und Bankkunden dürfte die vergangene Woche zur Zeit der Alpträume geworden sein und es ist ja noch kein Ende des Schreckens in Sicht. Das derart hochsensible Informationen auf Datenträgern aus der Steinzeit der EDV gesichert werden, ist ein weiter Höhepunkt der Blamage in der Geldwirtschaft. Dagegen war beim ersten GAU zumindest noch eine modernere CD beteiligt.

Gesetzliche Prüfsiegel und Datenschutzaudits sollen uns in Zukunft besser schützen, wenn man sich allerdings die Kompetenzen unserer Politiker in Sachen Computertechnik und Internet vor Augen führt, dann ist das nicht gerade dazu angetan, ein Gefühl der Sicherheit bei mir zu erzeugen. Auch „soll das Bußgeld von jetzt 25 000 auf 50 000 Euro steigen, bei schweren Verstößen von 250 000 auf 300 000 Euro. Auch soll der Staat Gewinne aus illegalen Datengeschäften abschöpfen dürfen. Und Unternehmen werden verpflichtet, ihre Kunden über Unregelmäßigkeiten möglichst rasch zu informieren.“ – wie ich im Artikel des Kölner Stadtanzeiger lese. Angesichts der Beträge, die es beim Datenklau zu verdienen gibt, scheint mir das eher den berüchtigten Erdnüsschen gleich zu kommen, die niemanden abschrecken.

Vielleicht sollte man sich einmal mit den findingen Hackern ins Benehmen setzen und diese ins Boot holen. Gerade beim Chaos Computer Club e.V. haben sich doch schon viele Menschen mit beachtlicher Kompetenz versammelt, die immer wieder vorführen, wo der beachtliche Lücken aufweist. WIe die Webseite des Club deutlich macht, haben die Mitglieder nicht nur ein enormes Wissen über das technisch Mögliche, sondern sind sich auch durchaus über die politischen Dimensionen bewußt.

Wie schwer sich Politik und Demokratie immer noch mit den digitalen Techniken tun wird auch deutlich, wenn man einen Blick auf die Möglichkeiten wirft, die ein Bürger hat, um sich gegen Datenklau und Datenbetrug zu wehren.

Die öffentliche , als Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion gepriesen, wird angesichts der Petitionsregeln zur Farce. Bereits eine einzige sinnlose Eingabe kann die Diskussion verhindern. – Twister (Bettina Winsemann), Telepolis

Bitte bitte, lass meine Bitte zu, heißt der informative Artikel von Frau Winsemann, den ich Dir wärmstens ans Herz legen möchte. Um uns vor zukünftigen Daten-GAUs zu schützen ist noch eine gewaltige Arbeit zu erledigen. Es braucht einen klaren politischen Willen, sensibilisierte und aufmerksame Bürger, kompetente Datenschützer und eine kontinuierliche Beschäftigung und Diskussion mit und über die technische Entwicklung. Dabei hilft es ganz und garnicht, wenn das Petitionsrecht komplett ad absurdum geführt wird! Neben den Kreuzchen bei den diversen Wahlen, haben wir Bürger nicht soviele Möglichkeiten uns konstruktiv, politisch einzumischen.

Ich bin zunächst einmal gründlich schockiert und hoffe, daß die besinnliche Zeit des Advent neben dem deutschen Datenhorror auch einige Gedanken der Besserung zeitigen wird, die uns ein schönes 2009 bescheren.

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