Hallo neugierige Nacktaffen,
zweifelsfrei hat die Wissenschaft dem Menschen bereits zahllose gute Dienste geleistet. Sie, die Wissenschaftler, haben sich redlich bemüht etwas zur Aufklärung der rätselhaften Zusammenhänge zwischen Leben, Planet und Kosmos beizutragen. So kommt es, daß ich heute auf der Toilette nicht mehr mit meiner Nase die Verdauungstätigkeit meiner Mitmenschen wahrnehmen muß, sondern nur auf einen Knopf drücke und alles riecht im Bad nach Lavendel, Oleander oder Jasmin. Wie sähe mein Leben ohne Strom oder Ottomotor aus? Ich will es mir garnicht vorstellen.
Auf Riddleculous hat Pas heute einen sehr langen Artikel geschrieben (Abraham – Ein Versuch), der einen nachdenklich macht und mich daran erinnert, daß ich schon seit Dezember von Reto U. Schneider berichten will.
„Heute haben wir in Religion den oben genannten Film geschaut. Er dokumentiert auf eindrucksvolle Weise ein so genanntes Milgram-Experiment.“ – Pas, Abraham – Ein Versuch. Im Buch ‚Verrückte Experimente‘ von Reto U. Schneider findet sich auch eine Beschreibung zu diesem Versuch. Dort heißt er: Gehorsam bis zum Letzten:
„Als Morris Braverman im Sommer 1961 die Linsly-Chittenden Hall an der Yale University in New Haven, Connecticut, betrat, konnte er nicht wissen, dass er eine Stunde später ohne Grund einen Menschen gefoltert haben würde. Braverman, ein neununddreißigjähriger Sozialfürsorger, meldete sich auf ein Inserat in der Lokalzeitung: »Wir bezahlen 500 Männer aus New Haven, die uns bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen helfen.« Die Entschädigung für »etwa eine Stunde« betrage vier Dollar plus 50 Cent für die Fahrtkosten.“. Herr Braverman wird dann zum Teil eines der umstrittensten Experimente der Sozialpsychologie.
Für manche mag es das wichtigste Experiment über das menschliche Verhalten sein, welches je veranstaltet wurde und ohne jeden Zweifel ist es ein Blick tief in die Abgründe unserer eigenen Psyche. Stanley Milgram heißt der
Assistenzprofessor der es sich ausgedacht hat und nach dem es nun auch benannt ist. Ich denke, es wird Dir auch schon zu Ohren gekommen sein. Ein Mensch in weißem Kittel spielt den Versuchsleiter, ein Mensch ist der Prüfling und der um den es eigentlich geht, hat den Prüfling für jeden Fehlversuch mit einem stärker werdenden Stromstoß zu ‚bestrafen‘. Augenöffner ist dann, daß es ausreicht einen weißen Kittel zu tragen, um den meisten Menschen Anweisungen zu geben, die diese ohne Bedenken oder Widerstand ausführen, auch wenn offensichtlich für einen anderen Menschen Schmerz und Folter damit verbunden sind. Das eigene, ach so moralisch gefestigte Seelchen wird zum Gewaltverbrecher. Besonders erschreckend, daß selbst die Menschen, welche sich für moralisch besonder gefestigt halten oder sich als erklärte Widerstandskämpfer gegen Folter und Gewaltherrschaft betrachten, keine Probleme damit hatten einem anderen Menschen gewaltige Ströme durch den Körper zu jagen. In den Videodokumentationen bekommt man einen Eindruck davon, daß die Situation eindrucksvoll gespielt ist. Das Schreien und Winseln der vorgeblichen Prüflings hält die Probanden nicht davon ab die Folteranweisung weiterhin durchzuführen.
Es ist nicht angenehm zu erfahren, wie leicht wir durch unsere Vorstellungen von wissenschaftlicher Kompetenz und Autorität zu manipulieren sind. Pas hat das Video in seinen Artikel eingebaut, ich warne Dich jedoch, die Erkenntnis, die er vermittelt ist keine leichte und ergreift Dich vielleicht heftiger, als Du es dir wünschst. „Wir waren alle ergriffen und sehr nachdenklich und uns allen stellte sich natürlich die Frage “Wäre ich auch so weit gegangen?” Wer einfach mit nein antwortet, leugnet, dass er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch so gehandelt hätte. Mit verheerenden Folgen, sie hätten den anderen Probanden umgebracht. Die Folgen dieses Experiments waren teilweise psychische Störungen der Probanden, auf jeden Fall traf es alle schwer.“, beschreibt Pas es in seinem Artikel.
„Ohne Experimente keine neuen Erkenntnisse. Was im Dienste von Forschung und Wissenschaft alles unternommen wurde, um den Wissensdurst zu stillen, hat Reto U. Schneider in “Das Buch der verrückten Experimente” zusammengetragen. Mal grausam, mal haarsträubend und manchmal auch einfach nur urkomisch sind die 200 Experimente, die er beschreibt.“ – über Reto U. Schneiders Buch „Verrückte Experimente“ auf Buch-zusammenfassungen.de.
Eine andere Leseprobe aus dem Buch dürfte in diesem Zusammenhang auch aufschlussreich sein, wenn der Pavlov einmal klingelt. Der russiche Medinziner Ivan Petrowitsch Pavlov hat 1904 für seine Forschung sogar den Nobelpreis erhalten. Er entdeckte den Lernmechanismus, daß man Menschen und Tiere durch Belohnungen konditionieren kann. Eine Erkenntnis, die ich ja auch schon in anderen Beiträgen verwurstet habe.
„Bei seinen Studien der Verdauung interessierte sich Pavlov auch für die Funktion der Speicheldrüsen. Um ihre Tätigkeit an lebenden Hunden beobachten zu können, führte er den Speichel der Tiere durch ein Loch in der Wange direkt von der Drüse in einen kleinen Messbecher. Eigentlich wollte er so die Zusammensetzung des Speichels bestimmen, wenn er die Hunde mit unterschiedlicher Nahrung fütterte. Doch bald tauchte ein Problem auf. Nachdem die Hunde ein paarmal gefüttert worden waren, begannen sie schon Speichel abzusondern, wenn sie das Fressen nur sahen. Zuerst betrachtete Pavlov diesen Effekt als Störfaktor und entwickelte Techniken, den Hunden das Fressen ohne Vorwarnung ins Maul zu geben. Doch es zeigte sich, dass die Tiere auch ganz subtile Signale mit dem Fressen verknüpften. Es reichte schon der Anblick des Forschers oder das Geräusch seiner Schritte, um den Speichelfluss in Gang zu bringen.“ – Quelle: Reto U. Schneider, Wenn der Pavlov einmal klingelt.
Nun ist es offenbar, wir sind schlimmer, als wir selber uns zutrauen würden. Ich werde die nächsten Tage wieder mit mehr Sorge und Betroffenheit in den Spiegel sehen. Wissenschaft geht manchmal seltsame Wege, um die Erkenntnis zu treffen und nicht immer ist es die Einsicht, die man erwartet hatte. Die wichtigste Aufgabe ist wieder erfüllt, ihre Protagonisten tragen zu unserer Unterhaltung bei und regen zum Nachdenken an.
Den Artikel von Pas solltest Du wirklich lesen und wenn dann wieder eine Geschenk für den nächsten Anlaß fehlt, freut sich Reto Schneider bestimmt über einen weiteren Leser.

hm, ich muss mir das Buch echt mal anschauen, klingt sehr interessant, was du da schreibst. Dummerweise hab ich noch so einiges zu lesen (hab noch einen ganzen Stapel ungelesener Bücher, die abgearbeitet werden müssen und momentan nicht soo viel Zeit.)