Tag um Tag – Literatur goes Cyberspace

Na dann mal, Hallo!

DenkkraftWer ist Klaus-Dieter Diedrich? Da hatte ich vor ein paar Stunden auch noch keine Antwort. Dann habe ich das [tagumtag] im Cyberspace entdeckt. Eine bemerkenswerte Angelegenheit. Das Projekt des Forum Allmende e.V. zeigt wie gut sich das Blog als Darreichungsform für Literatur eignet.

TagumTag ist ein Projekt der literarischen Gesellschaft Forum Allmende e. V. Sie wurde 1998 gegründet und will die literarische Kultur im Südwesten Deutschlands sowie in den angrenzenden Regionen des alemannischen Sprachraums fördern und beleben. Ihre Mitglieder sind Literaturinteressierte, selbst Schreibende sowie im Kultur- und Literaturbetrieb Tätige, denen an einer lebendigen Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition und Gegenwart gelegen ist.

‚Die Biberacher Zeit‘ ist ein groß angelegter autobiographischer Roman. Gedruckt würde er wohl an die 700 Seiten füllen. “ „Absicht war“, so Diedrich, „jeden Tag einen Text zu schreiben“. In die Erinnerungssequenzen und Tagesnotate, die von den 50er Jahren bis 2002 reichen, finden sich Zeitdokumente, Fotos und alte eigene Texte eingestreut. Durch die offene Form, die sich bewusst dem Strom der Erinnerungen überläßt, verdeutlicht der Autor, dass alle Erinnerung Konstruktion ist; zugleich zieht er damit die Konsequenz aus den Fallen einer literarischen Gattung, die wie keine andere für Selbststilisierung und Selbstbespiegelung anfällig macht. „Die Biberacher Zeit“ stellt so eine gelungene und reflektierte Suchbewegung nach der eigenen Lebenszeit dar. Schwerpunkte sind Kindheit und Adoleszenz, die Probleme der persönlichen und politischen Bewusstwerdung in der Provinz sowie die Herausbildung intellektueller und künstlerischer Neigungen. Diedrichs Lebens-Erzählung lässt sich aber ebenso gut als exemplarische Soziografie und „Chronik“ einer Kleinstadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lesen, deren trügerischer Idylle er sowohl erliegt als auch widersteht und deren soziale und politische Realität er mit der sensiblen Hellsichtigkeit des Außenseiters beschreibt.“ – Quelle: http://www.biberach-presse.de/(..)Klaus-Dieter

denker skulptur (holz)Wer auch ohne das Empfinden von Papier in den Händen einen Zugang zur Literatur finden kann, wird sich diesem Projekt sicher mit Interesse nähern können. Ein sehr gutes Beispiel für die literarische Eroberung des Cyberspace.

Ich habe seit langem die Vorstellung, die Winter seien in der Zeit der Kindheit und Adoleszenz länger, jedenfalls schneereicher, auch kälter, gewesen als in all den Jahren danach, aber jedem Älterwerdenden dürfte dieser Eindruck vertraut sein; die Vorkommnisse, Umgebungen und Dinge sind in ihrer damaligen Erscheinung wichtiger und intensiver – erschienen, als sie oder ihre vergleichbaren Ausformungen in späterer Zeit sich zeigten; aber bestimmte Orte beispielsweise, Straßen, Häuser, Stadtbereiche, waren, trotz mancher kleinen oder vielleicht sogar größeren Veränderung, ja doch im wesentlichen die gleichen geblieben, nur hatten sie sich von unserem Auge, von unseren tagtäglichen, alltäglichen Blicken in ihrer stets zur Verfügung stehenden Ansicht abnutzen lassen, an ihrer relativen Unverrücktheit – und ich meine das auch in einem zweiten, psychologischen Sinn – langweilte das Auge sich im Fortgang der Zeit, sie wurden profan, der heilige Schimmer des Unbekannten, neu Überwältigenden hatte Patina angesetzt und war eines Tages überhaupt verschwunden, und in irgendeiner Sekunde, im Vorübergehen und -sehen, kann einem das plötzlich bewußt werden, und man wundert sich ein bißchen erstens darüber, und zweitens, was man früher hier Interessantes wahrgenommen hat oder zu sehen glaubte.“ -Quelle: 3.1.2002

Das ist ein Satz! Das Konzept des Autors die lebendigen Tage zu konservieren trifft in der Technik des Blog auf eine echte Entsprechung. Ich habe gerade erst an dem schriftstellerischen Großprojekt gekratzt und bin schon sehr angetan. Menschen, Orte und die ganz kleinen, banal erscheinenden Details des Alltags finden sich in den Texten von Klaus-Dieter Diedrich. Das der Autor zur Zeit der Schriftlegung bereits schwer an Darmkrebs erkrankt war und im April 2006 verstarb, macht das Werk zu einem besonders intensiven Erlebnis. Ich gehe davon aus, das die besonderen Umstände auch eine besondere Sensibilität verursachten. Eine Textsammlung mit Tiefen und Untiefen, die ich dem geneigten Leser und der feinsinnigen Leserin zur eigenen Exploration ans Herz legen möchte.

Wieder eine Blog-Visite, die sich nachhaltig gelohnt hat! :-)

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