Werte Freizeitautoren, geschätzte Hobbyliteratinnen!
Schreiben macht Spaß und immer wieder gibt es auch hoffnungsvolle Geschichten von Autoren, die damit zu Geld und Ruhm kommen. Ein sehr starkes Beispiel dürfte die Autorin, Joanne K. Rowling, des Harry-Potter-Phänomen sein.
Gabriele Bärtels, Autorin und Fotografin, zeichnet in „Die Zeit online“ ein etwas anderes Bild. Ihr Bericht über das Leben als freie Journalistin erinnert mich sehr stark an die Wirklichkeit eines Hartzers (Menschen die ihr Leben mit den Mitteln aus Hartz 4 bestreiten müssen). Mir kommt da so manches sehr bekannt vor. Und dabei bin ich im Hauptberuf noch immer ohne festen Wohnsitz und fange gerade erst an, die Welt der freien Autorenschaft zu erforschen. Auf meinen Spendenbutton hat aber auch bisher noch keiner gedrückt.
„Heute ist der Tag, an dem ich nicht mehr aufstehen will, denn ich habe seit einer Woche kein Geld mehr und glaube auch nicht, dass nächste Woche welches kommt.“ (Schreiben macht arm, S.1)
Das beschreibt ziemlich genau meine aktuelle Situation! Treffender hätte ich es nicht formulieren können. Allerdings weiß ich schon aus Erfahrung, das Liegenbleiben auch nicht wirklich zur Lösung finanzieller Probleme dienlich ist. Die Jagd auf das ‚liebe‘ Geld ist für viele Menschen bereits die Hauptaufgabe des Tages geworden. Und das man darunter auch seelisch leidet, wird im Artikel von Gabriele Bärtels sehr deutlich.
„Entgegen jeder Vernunft stand ich trotzdem jeden Tag am Geldautomaten und achtete darauf, dass niemand zuschaute, wenn die Scheckkarte wieder herausglitt. Die Sekunden, bis auf dem Display der Satz erscheint: Leider keine Auszahlung möglich, sind Sekunden, die meine Nerven ähnlich belasten wie eine Fahrt in der Geisterbahn.“ (dito)
Auch wenn die Umstehenden nicht wissen, daß man schon einige erfolglose Versuche hinter sich gebracht hat… es ist ein seltsames Gefühl der Ausgestoßenheit, wenn man als Einziger in der Reihe das befreiende Rattern der Geldauszahlung nicht einleiten kann. Schreibtalent und Ideenreichtum sind halt nur ein brüchiges Kapital. Und wieder mit der freundlichen Sachbearbeiterin der Bank sprechen, wieder der Versuch ein wenig Mitleid zu erregen, um doch noch etwas Geld zu erhalten. Wo bleibt da die Menschenwürde? Würde man sich die leisten können, wäre das Bittstellen überflüssig. Immer wieder ist man von dem Ermessen anderer Menschen abhängig.
„In solchen Zeiten habe ich einen angstverkrampften Magen, und mit meiner Lebensfreude ist es nicht weit her. Ich laufe zu Fuß durch eine Stadt, weil ich mir eine U-Bahn-Fahrt nicht leisten kann, wandere durch Einkaufsstraßen voller Sonderangebote, doch jedes Ding ist unberührbar für mich. Mein Fernseher ist kaputt und mein Mineralwassersprudler. Beides kann ich nicht ersetzen. Meinen Zahnarzttermin nächste Woche werde ich absagen, denn ich habe das Geld für die Praxisgebühr nicht.“ (Schreiben macht arm, S.2)
Mein Monitor hat sich verabschiedet, mein letztes Paar Schuhe gibt auch bald die Sohle ab und zwei Zahnärzte, die ich nicht mehr besuche, weil mir das Hadern mit der Praxisgebühr inzwischen zu peinlich ist, kenne ich auch. Es ist doch wirklich erschreckend, wie wenig sich Leistung und Talent in Deutschland lohnen.
Sich mit Freunden zu verabreden und zu wissen, daß man wieder darauf angewiesen ist, daß andere die soziale Teilhabe bezahlen… das drückt auf die Stimmung.
„Heute ist also der Tag, an dem ich nicht mehr aufstehen will, denn mein Glaube daran, dass in diesem Land Einsatz, Nachhaltigkeit, Qualität, Zuverlässigkeit und Kreativität honoriert werden, ist zerbrochen und lässt sich nicht mehr kitten. Eine Beschwerdestelle ist nirgends eingerichtet.“ (Schreiben macht arm, S.3)
Jammern nutzt ja auch nichts. Es mag einem einen kurzen Augenblick Erleichterung verschaffen, letztlich führt es jedoch in die Verzweiflung und Depression und dann kann man wirklich einfach liegen bleiben. Der Schritt von der Freien Autorin zur Hartz4-Empfängerin schafft ein paar Sicherheiten, doch auch ein hohes Maß weiterer Kontrollen und Stellen, mit denen man sich „gut stellen“ muß. Das Leben in der Moderne ist schwer und nicht oft steht am Ende vieler Mühen auch tatsächlich Erfolg.
Nach Ansicht der Webseite von Gabriele Bärtels bin ich jedoch der Meinung, Frau Bärtels sollte sich auf keinen Fall ergeben und im Bett bleiben. Sie hat Preise gewonnen und schon in vielen namhaften Zeitungen veröffentlicht. Kaum zu glauben, daß die Verlegerschaft diese renomierte Feder an den Hungertod überstellt. Ihre Fotostrecke von der Erotikmesse zeigt, daß sie zudem auch noch ein Auge für delikate Perspektiven besitzt. Ein echtes publizistisches Talent!
Für eine Demokratie sind kritische und fähige Journalisten von besonderer Bedeutung. Oft genug vertreten sie das Auge der Öffentlichkeit und vermitteln komplexe Zusammenhänge in alle Ebenen unserer Gesellschaft. Freie Meinung und freie Autoren, das hängt für mich zwingend zusammen!